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Gefühlvolles Singen


Das spontane Singen, also das einfache Singen aus der Laune heraus, ist unkontrolliert und frei - natürlich und unbeschwehrt - leicht und unbekümmert. Es ist wie Kinder-Singen, oder das Singen unter der Dusche.

Auf Parties wird gesungen oder bei Musik-Veranstaltungen wird spontan mitgesungen. Dabei spielt das momentane Gefühl eine große Rolle. Ich bin guter Laune und Singe mit. Ich lasse mich mitreißen zu singen, obwohl ich sonst gar nicht singe. Meine Gute Laune gibt den Weg an und los geht's!

Das Ergebnis ist qualitativ nicht wichtig, es zählt allein der Spaß am Singen selbst, am Moment, am Gefühl dabei zu sein. Gemeinschaftliches Singen schafft immer ein Gefühl der Verbundenheit - es kann sogar exstatische Züge annehmen
und berauschend oder meditativ wirken.
Das Gefühl an sich spielt dabei die entscheidende Rolle. Nicht so sehr die Qualität der Stimme. Ein geplanter Gesangs-Vortrag dagegen hat einen anderen Anspruch.

Den Anspruch: Sing uns doch Mal was vor!

Jetzt treten wir heraus aus der Masse und zeigen uns vor allen Anderen. Was nun geschieht, wirft ein Licht auf uns und der nun folgende Gesang wird isoliert begutachtet. Hast Du gut gemacht! - heißt es dann, und mit diesem Lob zeigt sich, dass nach diesem Anspruch auch durchaus begutachtet wird, ob der Vortrag den Ansprüchen genügt hat oder nicht.

Zwei Seiten der weiteren Entwicklung des Singenden sind jetzt möglich, denn dieser Vortrag hatte zwei Gesichter:

Einmal geht es allein um die Qualität des Vortrages - Inhaltlich - aus künstlerischen Gesichtspunkten.
Auf der anderen Seite ist der Auftritt eine Möglichkeit sich persönlich zu profilieren - als Sänger oder Sängerin eine besondere Position ein zu nehmen - etwas besonderes zu tun.

Um diese beiden Gesichts-Punkte soll es im Folgenden gehen.


A: Der Ego-Tripp

Ob bewusst oder nicht ist das reizvolle am Gefühl von der Bühne herab für die Zuhörer zu singen keinesfalls einfach nur der Plan: Ich präsentiere das eingeübte Lied. Es überkommt einem jeden, der auf diese Bühne geht unwillkürlich das Gefühl:
Jetzt bin ICH jemand besonderes!


Es überkommt einem jeden spätestens im Moment des Betretens der Bühne. Damit ist jeder Sänger und jede Sängerin individuell "belastet". Es nennt sich "Lampen-Fieber" dieses Gefühl, aber es ist nicht mehr als die Reaktion auf die Formgewordene Möglichkeit aus der Masse hervor zu treten und etwas besonderes darzustellen. Dieses "fiebernde" Gefühl beschreibt die innere Aufregung und gleichzeitig berauschende Energie, die diese Möglichkeit mit sich bringt.

Ganz unabhängig vom vorbereiteten Song hat diese Möglichkeit individuell eine Bedeutung für den oder die Vortragenden. Es gibt Menschen, die benutzen speziell diese Möglichkeit für sich. Weit vor jeder Intention künstlerisch-gesanglich eine Wirkung beim Publikum zu erzeugen, betreten sie die Bühne um sich persönlich zu zeigen. Sie bringen den Saal zum Kochen allein mit ihrem Auftreten und haben noch nicht einen Ton gesungen. Sie inszenieren den persönlichen Auftritt. Für sie ist das Lampen-Fieber wie eine Art Droge - diese ganze Energie hat eine Große Bedeutung für ihr Ego. Es gibt ihnen Energie und Kraft und Selbst-Sicherheit - sie fühlen sich stark und anerkannt und können darauf hin die Massen begeistern. Es ist dabei ganz egal ob tatsächlich jeder diese Person mag oder nicht, allein diese Selbstsicherheit, die auf diese Art von der Bühne herunterstrahlt ist mitreißend. Die Drahmen, die sich hinter der Bühne abspielen oder im Privatleben, wo sie unausstehliche Nörgler oder vielleicht sogar penetrant überheblich sind, spielt jetzt keine Rolle mehr.
It's Showtime! - Entertainment! - Party!
Sie  haben ihren Ego-Tripp und das Publikum gibt Standing-Ovations.


B: Die Kunst

Mit der Arbeit an einem Song entwickelt sich mehr und mehr ein Bewußtsein für die feinen zunächst unbeachteten Aspekte HINTER den einfachen Melodien, HINTER den einfachen Worten, HINTER der Oberfläche. Vieles was zunächst so einfach aussieht stellt sich dabei als sehr anspruchsvoll und durchaus tiefsinnig dar. Wenn ich beim Singen "dahinter komme" was alles an Ausdruck möglich ist beginnt eine neue Begeisterung für den Song. Es wächst ein anderer Anspruch an mich, selbst diesen Audruck zu berücksichtigen und gezielt in meinen Vortrag ein zu bringen. Es beginnt eine Arbeit an meinen Fähigkeiten, die weit über das spontane Nach-Singen hinaus gehen kann. In der Natur, und somit im natürlichen Singen, sind die Dinge wie sie sind. Wenn ich nicht im einzelnen darüber nachdenke was ich genau tue beim Singen, und was genau geschieht beim Singen, folgt die Stimme einfach dem natürlichen Fluß der intuitiven Musikalität. Es sind bestimmte Dinge einfach natürlicher Weise richtig und ich akzeptiere eine Ordnung unwillkürlich und unbewußt, ich nutze sie, aber ich beherrsche sie nicht.

Wenn jemand fragt: Wie machst Du das? Lautet die Antwort: Ich mache es einfach, aber frag mich nicht wie ich das mache! - Das ist so, solange ich es auch nicht wirklich selber mache, solange ich "nur" intuitiv nutze, dass natürlicher Weise Alles an die richtige Stelle tritt und sich "von allein" ordnet. Die "Kunst des Singens" beginnt mit meinem Eingreifen in diese natürlichen Vorgänge.

Mit dem Willen die natürlichen Konstellationen zu begreifen und sie
SELBST zu kontrollieren, beginnt der Eintritt in die Welt der Kunst, und deswegen in die Künstlichkeit, weil Kunst immer etwas ist, was es in der Natur so nicht gibt.

Ich beginne also mit der Arbeit an der Stimme Schritt für Schritt zu
begreifen welche Vorgänge innerhalb der Stimme in welcher Weise kooperieren, und füge sie
SELBST gezielt in ein Ideales Zusammenspiel - wann immer ICH will. Ich lerne also die Qualität meiner Stimme durch das Wissen um die Abläufe und Konstellationen innerhalb der Stimme selbst bestimmbar zu machen. Ich lerne mich zu BEHERRSCHEN.


Mit diesem Plan ausgestattet bleibe ich allerdings nicht einfach auf diesem Weg, bis ich am Ziel angekommen bin. Schon die Frage ob ich wirklich diesen Plan in die Tat umsetzen will oder nicht bleibt unklar. Gerade als Rocksänger oder Sängerin bin ich immer in gewisser Weise auf einem
EGO-Tripp. Ich will entgegen aller Klassischen Meinung einen EIGENEN Gesang-Stil festmachen, der begründet bleibt auf einem FEHLERHAFTEN Gebrauch meiner Stimme.


Das ist vielleicht ein wenig gewagt formuliert aber eine Tatsache:
Alles Individuelle stellt sich durch eine bestimmte charakteristische
Unausgewogenheit dar.
Egoismus ist niemals absolut, sondern immer resolut unausgeglichen, also einseitig orientiert. Absolutes, also übergeordnet Ideales, ist generell und universell gültig. Persönliches, Individuelles, Subjektives ist immer nur
EIN Standpunkt von vielen.

Mit dem Vorhaben einen "eigenen" Stil prägen zu wollen bleibe ich immer auf dem Weg der Unausgewogenheit. Das ist jetzt nicht wertend gemeint, sondern meiner Meinung nach besonders wichtig zu wissen. Ein Rock-Sänger will oft unwissendlich beides: Den eigenen Stil, also den eigenen Willen durchsetzen, mal mehr und mal weniger resolut egoistisch orientiert, und auf der anderen Seite natürlich die Stimme gesund halten, dazu nimmt er/sie dann Unterricht oder versucht die Stimme zu schonen, wenn sie überstrapaziert wurde.

Es gibt immer noch sehr viele Rock-Sänger und Sängerinnen, die tatsächlich Angst davor haben mehr über ihre Stimme zu erfahren und deshalb niemals Unterricht nehmen weil sie befürchten ihren eigenen Stil zu verlieren. Sie wissen, dass sie Vieles falsch machen, aber die Stimme so wie sie ist gefällt ihnen. Noch genauer gesagt: Sie sind so verliebt in ihren eigenen Stil in ihre eigene Stimme, dass sie es nicht riskieren sie aufs Spiel zu setzen. Auch nicht wenn sie so viel mehr erfahren könnten. Sie wollen nicht mehr, sie wollen ihren EGO-Trip. Sie verlassen sich darauf, dass die Leute ihre Stimme so wie sie ist mögen, was ja auch stimmt, und wollen auf keinen Fall diese Möglichkeit verlieren. Das ist auch tatsächlich sehr wichtig für sie, weil sie sobald sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen wirklich genau für diesen speziellen Sound bezahlt werden. Nicht für irgend einen anderen.

Das ist der Grund, warum ich diese Lecture schreibe, weil ich diese Grenze jeden Tag und in jeder Stunde Unterricht vor Augen habe. Jeder Schüler und jede Schülerin steht sich in diesem Sinne selbst im Weg und das von Anfang an. Ich selbst bin Rock-Sänger weil ich meinen eigenen Stil suche mit ungebändigter Kraft, immer wenn ich singe. Doch ich darf nie aufhören zu suchen und auch nie aufhören zu finden. Wer erfährt wie unglaublich intensiv die Energie fließt, wenn die Stimme in einer übergeordneten Balance ist muss deshalb noch lange nicht seinen eigenen Stil aufgeben. Was ich innerhalb meiner Stimme erfahre, muß ich ja nicht alles auch benutzen, wenn ich mit meinem eigenen Stil an die Öffentlichkeit gehe, aber die Erfahrungen und das Wissen um die Existenzen dieser anderen Stimmen in mir fördern meine Kreativität und Flexibilität.

Festigung wirkt gegen Lockerheit und Flexibilität.
Einengung behindert die Freisetzung anderer Möglichkeiten.
Einseitigkeit behindert die Balance.
Den Ego-Tripp zu haben und kunstvoll zu Singen sind zwei unterschiedliche Dinge.

Genau auf dieser Ebene kann jetzt eine Einschätzung statt finden zum Thema: Welchen Stellenwert und welche Funktion hat das "Gefühl" innerhalb des Singens.

Ich kann mich LEITEN lassen von meinen Gefühlen und sie bestimmen lassen was daraufhin meine Stimme tun soll. Ich kann mich in eine berauschende Stimmung versetzen und darufhin für einige Stunden unglaublich extreme Dinge mit meiner Stimme tun, etwa 12 Stunden an einem Stück singen, oder Schreie ausstoßen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Ich kann die extremsten Dinge tun für eine Zeit, völlig ungehemmt und mein Körper und meine Stimme macht das mit - aber nur für eine Zeit. Jeder, der diese Anflüge von Power hatte, kann sich an den so genannten Kater danach erinnern. Das ist in keiner Weise eine gesunde Grundlage für eine kontrollierte Stimmführung. Erst wenn ich jeden Tag bestimmte Dinge ausführen kann ohne, dass sie meiner Stimme schaden beherrsche ich sie.

ICH BEHERRSCHE MEINE GEFÜHLE und nicht anders herum! Wenn ich meinen Gefühlen erlaube voran zu gehen, mache ich langfristig einen verhängnisvollen Fehler! Gefühle beinhalten eine gewisse Skrupellosigkeit was die Konsequenzen angeht. Gefühle kennen von sich ausgehend keine körperlichen Grenzen. Gefühle sind haltlos und bringen mich in eine Tendenz zur Überheblichkeit und Zügellosigkeit. Euphorie und Berauschtheit sind das Ergebnis einer Illusion.

Meine Stimme muß voran gehen. Wenn ich in der Lage bin die Stimmbildung zu kontrollieren und alle Töne gezielt ansetzen und ausklingen lassen kann, dann ist es nicht mehr weit zur Möglichkeit gezielt und beherrscht in diese Töne hinein bestimmte Gefühle zu bringen.

Ich fülle so zu sagen die von meiner Stimme erzeugten Töne mit von mir bestimmten Gefühlen. Die Stimme, die Töne, werden angefüllt mit Gefühlen und der
Gesang ist "gefühl-voll".

Das zu lernen und das zu können, ist ebenfalls eine Kunst, denn eigentlich, also auf natürliche Art und Weise, gibt es solche Fähigkeiten nicht. Aber diese erlernte Fähigkeit schafft es die natürlichen Abläufe und Zusammenhänge gezielt für mich nutzbar zu machen.

Und nicht nur die Beherrschung der Stimme ist die
Belohnung, die mir zuteil wird. Mein auf diese Weise geschärftes Bewußtsein bereichert mich als ganzen Menschen.

 

If you have any comments or questions, please feel free to contact me: loyworld@aol.com

 

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