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Singen mit dem Mikrofon


Klassisch eingestellte Sänger bzw Sängerinnen lernen die eigene Stimme "als Solche" kennen, in Form ihrer Resonanz-Erscheinungen im ganzen Körper. Im Unterricht wird vermittelt wie die Resonanzen verstärkt werden können und wie die Stimme übergeordnet wächst und sich entwickelt. Am Ende wird immer mit der Stimme als umfassende Resonanz-Erscheinung gearbeitet. Um eine solche Stimme aufnehmen zu können, muß ich die ganzen akustischen Verhältnisse mit einbeziehen, ich muß den ganzen mit der Stimme gefüllten Raum beachten.

Problem ist dabei, das jede Art von Mikrofon eine unterschiedliche Empfindlichkeit hat und zusätzlich ganz verschiedene Frequenzen verstärkt je nach dem wie ich dort hineinsinge. Je größer der Abstand zum Mikro, desto weniger direkt klingt das Singnal, weil immer mehr Umgebung mit aufgenommen wird. Je dichter ich am Mikro bin, desto deutlicher ist das aufgenommene Signal, aber es werden dabei auch mehr und mehr tiefe Frequenzen angehoben, und auch alle kleinsten Nebengeräusche meiner Stimme (Atemgeräusche, Kratzer, Kiekser...).

Die klassische Stimme, als das Ergebnis einer umfassenden Stimmbildung, gerät mit dem Mikrofon in einen deutlichen Konflikt, weil dieses "Verstärkungsmittel" nicht direkt an die Stimme, sondern zunächst an die spezielle Live-Aufnahme Situation angepasst ist. Auf der Bühne ist es normalerweise sehr laut, und je mehr Mikros dort benutzt werden, desto mehr Signale vermischen sich, werden also nicht nur im jeweiligen Mikro übertragen, sondern auch in allen anderen. Um möglichst von einander abgegrenzte Signal zu erhalten ist die Aufnahme Empfindlichkeit auch entsprechend eingestellt, d.h. ich muß als Sänger sehr dicht ans Mikro, oder meine Stimme wird nicht mehr gut übertragen. Für klassische Aufnahmen so gut wie ungeeignet. Die Vorbereitungen um eine klassische Gesangsdarbietung mit einem Orchester im Rücken aufzunehmen sind sehr groß, das geht nur mit besonderen Mikrofonen und besonderer Raumakustik. Dort wird mit wenigen Mikros gearbeitet, die dafür sehr empfindlich eingestellt sind und mehr den Klang aus dem ganzen Raum aufnehmen, nicht mehr die einzelnen Signale / Instrumente / Stimmen. Für normale Live-Aufführungen ist so ein Aufwand viel zu groß, deshalb werden dort andere Verhältnisse zugrunde gelegt, die den Sänger zunächst sehr verwirren können, wenn er zum ersten Mal über ein Mikro singen soll.

Je direkter ich in das Mikro singe, desto voller klingt meine Stimme, je weiter ich weg gehe, desto kraftloser klingt sie.

Das Mikro überträgt und verstärkt meine Stimme und bestimmt durch meinen Abstand zum Mikro wie laut und wie massig meine Stimme klingt. Das ist ungewohnt. Es bedeutet, ich muß garnicht laut singen um eine laute Stimme aus den Lautsprechern zu erhalten, ich muß nur dicht ans Mikro. Ich muß auch nicht meine Stimme zurücknehmen um leiser zu werden, es reicht den Abstand zum Mikro zu vergrößern. Das ist eine andere Art von Dynamischer Arbeit, die ich erst lernen muß zu nutzen. Die Technik, also das Mikro und die Verstärker-Anlage bestimmt meine Stimme, nicht mehr nur meine Stimme selbst im Raum. Was aus den Lautsprechern kommt ist meine Stimme für den Zuhörer, und das ist etwas ganz anderes als meine tatsächliche, unverstärkte Stimme.
Es nützt mir nichts, wenn ich meine Stimme im klassischen Sinne voll entfallte, dabei ganz direkt in ein Mikro singe und meine, das müßte dann besonders gut klingen. - Weit gefehlt! - Eine Solche Situation würde das Mikro übersteuern, der Eingangspegel müßte reduziert werden und die Stimme würde aus den Lautsprechern danach eher dünn klingen. Es ist viel geschickter die eigene Stimme ein wenig zu reduzieren im Schalldruck, dafür mit dem Abstand zu Mikro ein wenig zu experimentieren und am Ende einen sehr kraftvollen Sound zu erhalten, weil das Signal somit am "Mischpult" viel weiter hochgezogen werden kann.

Das Mikrofon macht aus meiner Stimme erst dann etwas beeindruckendes, wenn ich damit umgehen lerne. Es ist weit mehr als nur ein Übertragungsmittel - ich bestimmte damit meine Stimme im Sound.

Der Rock/Pop-Sänger läßt sich mit seiner ganzen Art zu Singen sehr stark auf das Zusammenspiel mit dem Mikro ein, der klassische Sänger dagegen wird immer eine Begrenzung darin sehen. Das Mikro verlangt nach einer veränderten Einstellung im Umgang mit der eignen Stimme und wird wohl deshalb immer wieder als Symbol für den Rock-Gesang benutzt. Das Mikro führt den Sänger, die Sängerin hin zur eigenen, persönlichen, individuellen Stimme. Die klassische Gesangsausbildung führt zu einer Entfaltung der Stimme an sich, übergeordnet, einem höheren Ideal folgend.


Die Individualität
bestimmt den Rock / Pop - Gesang.

Die höhere Kunst des Singens
bestimmt den klassischen Gesang.


Das Mikro ermöglicht Entfaltung
der Persönlichkeit der eigenen Stimme.

Die klassische Stimme ermöglicht
die Wesentlichkeit der Stimme an sich.

Je nach dem was der/die einzelne Singende anstrebt wird er/sie sich auf den einen oder den anderen Weg machen die eigene Stimme zu entwickeln und dabei entsprechend mit dem Mikro weiterhin in Konflikt geraten oder es für sich gewinnen.


 

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